Der Krisenstab: Spiel im Zeitalter des Chaos

In Zeiten unvorhersehbarer Krisen ist ein operativer Krisenstab kein einmaliges Ziel, sondern ein unendliches Spiel. So wie sich ein Schweizer Schütze kontinuierlich übt, müssen auch Institutionen ihre Fähigkeit zur Anpassung ständig trainieren und Vorbereitung in strategisches Bewusstsein verwandeln. Wer im Chaos bestehen will, braucht Flexibilität statt starrer Strukturen.

Kolumne Recht direkt von Alessandro Rappazzo


In der Schweiz ist das obligatorische Schiessen mehr als eine Pflicht – es ist ein ziviles Ritual, das Verantwortung, Kompetenz und den sicheren Umgang mit einer Waffe vermittelt. Ähnlich verhält es sich mit einem Krisenstab: Sein Aufbau und die Pflege sind kein Projekt mit klar definiertem Ende, sondern ein unendliches Spiel, um – nach Simon Sinek – die Fähigkeit zur kontinuierlichen Anpassung zu bewahren.
Es geht nicht darum, einmal zu gewinnen, sondern immer bereit zu sein, neue und unerwartete Krisen zu bewältigen. Diese Parallele ist besonders relevant in der heutigen Sicherheitslage, da jede Krise direkte Auswirkungen auf die Stabilität eines Landes haben kann.

Flexibilität in einer VUCA-Welt
In einer VUCA-Welt – geprägt von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Unklarheit – darf ein Krisenstab nicht starr sein. Er muss anpassungsfähig sein, eher wie eine «Energie des Wandels» als ein festes Organigramm.
Die Stärke eines Krisenstabs liegt in seiner Flexibilität: Er muss sich jeder Bedrohung anpassen können, egal in welcher Form sie auftritt. Um das Chaos zu meistern, braucht es klare, einfache Entscheidungsprozesse, die bürokratische Hürden vermeiden. Unverzichtbar ist auch die kontinuierliche Ausbildung; der Treibstoff, der den Krisenstab leistungsfähig hält und sicherstellt, dass die Kompetenzen jederzeit einsatzbereit sind.

Operative Handlungsfähigkeit
Man kann Krisenvorbereitung mit einem Feuerlöscher vergleichen:

  • Ihn zu besitzen (Strukturen und Personal) schafft die Grundlage für Sicherheit.
  • Ihn bedienen zu können (Prozesse und Abläufe) garantiert die Wirksamkeit.
  • Ihn regelmässig zu benutzen (Simulationen und Szenarien) verwandelt die Theorie in operative Handlungsfähigkeit.

Nur so lässt sich der Sturm meistern: Mit Konzentration auf das eigentliche Ziel und weit über das blosse Überleben hinaus.

Alessandro Rappazzo, Jahrgang 1967, ist Berufsoffizier und Chef Ausbildung im Kommando Führungs- und Kommunikationsausbildung der Schweizer Armee.

Er verfügt über einen Executive Master und hat mehrere Bücher zu den Themen Führung, Krisenmanagement und Krisenstabsorganisation veröffentlicht. Sein Spezialgebiet ist die Ausbildung von Krisenstäben.